Mittwoch, 24. Juni 2009

Impressionen Boliviens

Bolivien wird oft mit den Superlativen aermstes und indianischstes Land Suedamerikas bezeichnet. 60% der Bevoelkerung haben eine indigene Herkunft.
Von vielen Backpackern wird das von allen Seiten von anderen Laendern eingekesselte Bolivien oft umgangen. Der Weg von Brasilien ueber Argentinien und die Kueste Chiles werden beispielsweise bevorzugt. Auch ich wusste vor unseren Reisevorbereitungen nur wenig ueber das Land, bin mitlerweile aber ueberzeugt davon, dass es als Reiseziel alle (zT niedrigen) Erwartungen uebertrifft.

Besonders nach Brasilien, einem mitlerweile spuerbar globalisierten Land, ist Bolivien mit seinen alten Kulturen und Traditionen ein spannendes Erlebnis fuer uns.
Die Vergangenheit des Landes ist allgegenwaertig. Eines der ersten und einpraegensten Bilder in Bolivien ist das der indigenen Frau, die durch ihre dunkle Haut, die dunklen Augen und dunklen Haare sowie der traditionellen Kleidung hervortritt: die schwarzen Haare werden zu langen Zoepfen geflochten und zum Teil mit Baendern oder Perlen geschmueckt, ein Schlapphut aus Stroh oder Filz schuetzt in den Bergen vor der starken Sonneneinstrahlung. Weitere Erkennungszeichen sind die weiten Faltenroecke und bunt gewebten Ponchos um die Schultern. Viele der Frauen tragen bunte Tragetuecher mit Babys oder Marktwaren und Habseligkeiten auf dem Ruecken.
Selbstverstaendlich existiert in Bolivien auch eine kleinere, hauptaechlich spanisch staemmige, gut situierte Oberschicht, sichtbar in den noblen Stadtkernen. Neben Kirchen und Plaetzen im Kolonialstil tummeln sich modern gekleidetet Studenten in europaeisch wirkenden Cafes und zeitungslesende Geschaeftsmaenner lassen ihre Schuhe polieren. Doch der Grossteil des bolivianischen Lebens spielt sich zwei Meter daneben, am Strassenrand, in den Kleinstadten und Doerfern, auf dem Land und in den Bergen ab.

Wir verbrachten vier wunderbare Tage in einem Dorf namens "Samaipata", etwa 100 km ausserhalb von Santa Cruz, nahe dem Natiuonalpark "Amboro". Auf unserem Weg ueber steinige Strassen kamen wir durch zahlreiche laendliche Doerfer, in denen die Menschen ein aermliches, arbeitsreiches, aber buntes Leben fuehren: die Strassen werden von kleinen Orangenplantagen gesaeumt, am Strassenrand im Staub halten friedliche Hunde Siesta und Frauen und Kinder verkaufen an ihren kleinen Staenden Obst, Getraenke und Suessigkeiten, stuermen auf die vorbeifahrenden Taxis zu. Zwischen den baufaelligen Huetten sind bunte Waescheleinen gespannt, auf den Feldern sieht man Frauen und Maenner mit Kuehen oder Eseln. Ueberall auf den Strassen und zwischen den Haeusern flattern Huehner herum und wuehlen kleine Schweinchen im Dreck (die Landbevoelkerung kuemmert sich reichlich wenig um die Influenza).
Samaipata selbst ist ein wunderhuebsches Doerfchen in den Bergen, in dem das Leben der Menschen schlicht, aber aufgrund des Tourismus nicht armutsgepraegt ist. Tradition und Tourismus scheinen hier tatsaechlich vereinbar. "Gringos" zeigen Respekt vor den Einwohnern, der Schoenheit des Ortes und der Natur. Das Leben hier erschien uns nach dem Aufenthalt in der Stadt angenehm langsam. Omis stehen in ihren Haustueren, gruessen vorbeilaufende Nachbarn und beobachten das Geschehen. Taxifahrer plauschen in Grueppchen auf dem Dorfplatz und reissen sich nicht grade um die Arbeit, wenn Touristen vorbeikommen. In traditioneller und kuenstlerischer Atmosphaere, sowie in netter Gesellschaft genossen wir bestes Essen, erlebten bunte Maerkte und Menschen, besuchten unsere ersten Inka-Ruinen und wanderten in den Bergen. Mit einem netten englischen Maedchen besuchte ich einen "Zoo", der sich als ein netter kleiner Tiergarten entpuppte, in dem heimische Tiere (Affen, Papageien, Wildschweine, Schildkroeten, Hunde, Ponys etc.) als bunte Familie zusammen leben und zum Teil von Krankheiten, Verletzungen oder Misshandlungen gepflegt werden.

Schweren Herzens verliessen wir Samaipata nach ein paar Tagen wieder, um uns auf die Suche nach anderen schoenen Orten zu machen.

Bis auf unsere Zeit in Samaipata verbrachten wir unsere Zeitin Bolivien bisher weitesgehend in groesseren Staedten. Unsere Eindruecke von dem bolivianischen Landleben bekamen wir somit weitgehend waehrend langer Busfahrten.
Busfahrten in Bolivien sind Erlebnisse besonderer Art. Alles beginnt im Terminal, dem Busbahnhof, einem rieeesigen Markt, auf dem anstatt von Gemuese, Obst und Fleisch Bustickets verkauft werden. Die Luft ist von einem an- und abschwellendem Singsang bzw. Geschrei verschiedener Stadtnamen erfuellt, permanent versuchen Anwerber Blickkontakt herzustellen und potentielle Kunden zu dem "Marktstand" der jeweiligen Busgesellschaft zu ziehen. In diesem Gedraenge wird geschimpft, gezogen, gebettelt und der Ellbogen gegen die Konkurrenz eingesetzt.
Im Bus selbst bekommt man von bolivianischen Omis Eis, Coca Cola, oder auch schonmal Huehnchen angeboten und wird genoetigt, kitschige Musik zu hoeren oder schlechte Filme anzuschauen. Das einzige Gute an bolivianischen Bussen ist, dass man bei frostigen Aussentemperaturen nicht auch noch von einer Klimanlage weggepustet wird, wie in Brasilien. Die Busse sind klapprig, die Strassen streckenweise nicht ihes Namens wuerdig und die Zeit kann sich ganz schoen in die Laenge ziehen in einem Bus ohne Toilette (bei uns zB 10 Stunden und mehr!). Bei alldem bleibt als Flucht nur noch der Blick aus dem Fenster...

Den bolivianischen Regenwald konnten wir leider nur als Schatten in der Nacht bestaunen, doch auf unserer Busfahrt von Cochabamba (2500m) nach La Paz (3700m) boten sich uns grandiose Eindruecke von dem Leben in den Anden.
9 Stunden fuhren wir durch endlose Berglandschaften, zT jenseits der Baumgrenze. Zwischen Bergen, inmitten weiter Steppen und nichts als Einsamkeit sahen wir vereinzelt Menschen mit Esel- Schaf- und Alpakaherden ziehen, bunte Punkte in der sonst kargen Lanfschaft. In winzigen zT halb zerfallenen Doerfern leben Menschen ein schlichtes Leben, bestellen kleine Getreidefelder am Berghang und verkaufen Fleisch und Handwerksachen am Wegesrand.
Bei Nachtanbruch sahen wir kleine Feuer in der Dunkelheit und Wetterleuchten am Horizont.
Hoehepunkt dieser Fahrt, nein Hoehepunkt ist nach dem Andenpanorama nicht das richtige Wort. Der ¨kroenende Abschluss¨ dieser Fahrt war der Blick, der sich uns vom Berg auf die naechtlich leuchtende Stadt La Paz unter uns bot.

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